3.11.2012: Heidi Knoblich: "Badische Persönlichkeiten"

Erstaunliches aus dem Leben bedeutender Persönlichkeiten aus Südbaden: Von der in Zell im Wiesental...

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10.11.2012: GRASHÜPFER & de HÄMME

„Git dir de Alldag kuhm e Chonce, bringt Ärger dich gar uss de Balance, dann bruchsch, was Gott...

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Oswalt Orgel

Über 500 Jahre Leidenschaft für die Orgelbaukunst und das Gespür für neue...

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CD der Waldkircher Orgelstiftung

Unter dem Titel „Willi Ams, ein Herz und eine Orgel“ hat die Waldkircher Orgelstiftung eine neue...

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9701 Orgelpfeifen in Waldkirch

in Kirchen und Kapellen auf dem Stadtgebiet der weltweit bekannten Metropole des Orgelbaus:...

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15.Oktober 2011

Große Kulturpreisverleihung der Europäischen Kulturstiftung „Pro Europa“ im Kassian-Saal des Kloster Lichtenthal.  

Die Waldkircher Orgelstiftung erhielt für ihre hervorragenden Leistungen den: 

„Preis zur Bewahrung Europäischen Kulturgutes 2011“

durch die Europäische Kulturstiftung Pro Europa.

Unterzeichnet: Präsident Dr.Ernst Seidel   
Laudator: Herr Dr. Sven von Ungern-Sternberg – Regierungspräsident a. D.  

Sehr geehrte Damen und Herren,

als ich vor nun über zehn Jahren die Ernennungsurkunde der Waldkircher Orgelstiftung unterzeichnete, war mir bewusst, dass die Gründer eine fast dreijähriger Vorbereitungszeit zur Gründung  ihrer  Stiftung hinter sich hatten. Das Gründungsdatum der „Waldkircher Orgelstiftung“ , der 20. Dezember 2000, war der offizielle Anfang einer beispielhaften Umsetzung bürgerschaftlichen Engagements. Und dass die Waldkircher Orgelstiftung heute von der „Europäischen Kulturstiftung Pro Europa“ geehrt wird und heute den „Preis zur Bewahrung Europäischen Kulturgutes 2012“ entgegennehmen darf, erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit. Über diese besondere Stiftung zu sprechen, heißt auch, über Waldkirch zu sprechen und ihrer erstaunlichen Geschichte des Orgelbaus.

Als Gründungsdatum der Stiftung gilt  der 20. Dezember 2000. Aber eigentlich begann schon alles viel, viel früher, als der erste Kirchenorgelmacher Mathias Martin sich in Waldkirch ansiedelte, und das war im Jahr 1799. Auf diesen ersten Schritt folgte gut 35 Jahre später ein zweiter, als ein hervorragender Handwerker, Künstler und Unternehmer, kurzum ein genialer Schwarzwälder Tüftler, seine Werkstatt ebenfalls nach Waldkirch verlegte. Über 100 Jahre lang prägte er mit seiner Familie die Orgelgeschichte Waldkirchs: Ignaz Blasius Bruder, der Begründer der heute noch weltweit bekannten Tradition des mechanischen Musikwerkbaus und Drehorgelbaus in Waldkirch. Auf diesen fruchtbaren Boden wuchsen noch weitere Gründungen mechanischer Musikinstrumentenfirmen wie z. B. Ende des 19.Jahrhunderts die Fa. Gebrüder Weber. Ihre Orchestrien waren weltweit begehrt und musizierten  am arabischen Fürstenhof, in russischen Adelshäusern und in amerikanischen Music Halls. Waldkircher Musikautomaten wurden auf Weltausstellungen nach Paris und in die Vereinigten Staaten geschickt.

Und auch im 21. Jahrhundert bauen, entwickeln und restaurieren vier Werkstätten in Waldkirch weiterhin die hoch geschätzten und berühmten Waldkircher Orgelinstrumente, für den kirchlichen wie weltlichen Bereich. Somit kommen aus Waldkirch nach wie vor: „Orgeln für Gott und die Welt!“

Die Stadt Waldkirch kann auf eine über 212-jährige Tradition im Orgelbau zurückblicken: Kirchenorgeln seit 1799, Dreh- und Jahrmarktsorgeln seit 1834, Orchestrien bis ins 20. Jahrhundert hinein – dieser Erfolg war nur möglich durch die enge Verzahnung von künstlerischem, musikalischem und handwerklichem Wissen. Zentrum dieser Geschehnisse ist Waldkirch, im Süden des Schwarzwalds gelegen, und blicken wir über den Tellerrand, so können wir sagen: Es ist das musikalische Herz Europas.

Wenn deutsche Künstler Ende des 19. Jahrhunderts sich aus der Provinz nach Paris der Kunst wegen auf den Weg machten, so taten es die Gründer von Pariser Orgelfirmen andersherum: Sie gingen nach Waldkirch und richteten hier Niederlassungen ein, um am Puls der Zeit zu sein.

Diesen Pulsschlag nicht zu verlieren, hat sich die Waldkircher Orgelstiftung zur Aufgabe gemacht, indem sie die Geschichte des Waldkircher Orgelbaus, seine kulturhistorische Bedeutung und Entwicklung erforscht, fördert und dokumentiert. Von hier, dem Herzen Europas, sollen weiterhin Impulse ausgehen. Die Waldkircher Orgelstiftung möchte anstiften, damit Kultur lebendig bleibt. Deshalb widmet sich die Stiftung ausschließlich Instrumenten, die mit Waldkirch in Zusammenhang stehen. Diese Konzentration ermöglicht es, das ganz Eigene, Individuelle, Kostbare dieser Instrumentenwelt wahrzunehmen. Diese Begrenzung schafft Reichtum, lässt in der Waldkircher Heimat die Welt spüren. Was sich hier in diesen 212 Jahren aufgebaut hat, dient nicht als bequemes Polster, sondern als Herausforderung, wie wir mit Zeit, mit Musik, vielleicht auch mit Lebensfreude umgehen möchten.

Forschen, Fördern, Dokumentieren – diese Ziele steckten sich einst die fünf Gründungsmitglieder und angesichts der Größe dieser Aufgaben hat sich das Quintett schon längst zu einem Orchester ausgeweitet: Freunde, die Sponsoren, Gönner, die Orgelwelt Waldkirchs mit dem Elztalmuseum als Zentrum, der Orgel-Förderkreis, ja, die ganze Stadt Waldkirch mit ihrem bürgerschaftlichen Engagement begleiten und unterstützen die Projekte der    Orgelstiftung und machen Waldkirch zu einem Ort, der Gäste aus aller Welt beherbergt. Paradebeispiel ist das von der Stadt Waldkirch organisierte und alle drei Jahre stattfindende Internationale Orgelfest mit innovativen Konzerten, mit offenen Werkstätten, mit Drehorgelmusik auf den Straßen, mit Klängen aus Holland, Frankreich, England und sogar aus Chile.

Ein Beispiel: 1855 bauten die Söhne Ignaz Blasius Bruder eine Figuren-Drehorgel. Sie zeigt einen kleinen Saal mit verspiegelten Wänden und fünf Figuren, ungefähr handgroß, unter ihnen ein Soldat, der einen Teller hält, und einen Mann mit Krone und Weinglas. Auf dieser kleinen Bühne steht auch ein Sarg. Fängt nun die Drehorgel an, eine Melodie zu spielen, so öffnet sich der Sargdeckel und – Sie werden es kaum glauben– der ehemalige Kaiser der Franzosen, Napoleon samt seinem berühmten Zweispitz-Hut, wird sichtbar. Er richtet sich auf, schlägt seine Augen auf und hebt zweimal seine Hand zum Gruß. Warum man mit dieser Orgel die Wiederaufstehung Napoleons, dessen Name für die fortschrittlichen Ideen der Französischen Revolution einst stand, nach dem Scheitern der 1848er-Revolution herbeiwünschte, kann natürlich mit einem Ausflug in die Geschichte verbunden werden. Und das tut die Orgelstiftung in ihren Führungen, Vorträgen und mit ihren zahlreichen Publikationen zur Geschichte der Orgeln. Angesichts des heutigen Tages liegt auch der Gedanke nahe, dass Napoleon, der immerhin die Kleinstaaterei Deutschlands einst hinwegfegte, auch seine Hand zu einem Gruß anlässlich der Verleihung des Europäischen Kulturgutpreises heben würde!

Wenn Sie neugierig auf die so genannte Sargorgel geworden sind und Sie diese und weitere Figurenorgeln, mit denen die Drehorgeldynastien der „Bruders“ und „Ruth“ begannen, kennen lernen möchten, so können Sie diese im Waldkircher Orgelbauersaal antreffen. Sie werden überrascht sein von der Vielfalt, von dem Einfallsreichtum, von dem handwerklichen und musikalischen Können, das in diesen historischen Orgeln steckt. Dieser Saal beherbergt in zwei Etagen über 70 rein Waldkircher Musikinstrumente, eine wachsende und weltweit einmalige Sammlung von Waldkircher Orgeln und Orchestrien: Ein Schaufenster der langen handwerklichen und musikalischen Tradition der Orgelkunst.

Und darüber hinaus auch eine Art Labor. Hier wird geforscht, gebastelt und experimentiert. Ein Plexiglasgehäuse macht es möglich, dass Fachbegriffe wie Windlade oder Abnehmer weder dem Wetterdienst noch einer Diätbemühung zum Opfer fallen. Mit dieser durchsichtigen Plexiglas-Drehorgel können Funktionszusammenhänge sichtbar und hörbar gemacht werden, eine Attraktivität für Jung und Alt. Trockener Physikunterricht erwacht zum Leben, wenn Schulklassen die Schwingungslehre anhand dem Aufbau einer Orgel nachvollziehen können. Gerade junge Menschen anzusprechen und ihnen ihre Orgelklangstadt zugänglich zu machen, ist ein besonderes Anliegen der Orgelstiftung, Zeichen dafür sind auch die Schülerpreise, die die Stiftung auslobt.

Im Orgelbauersaal begegnen sich historisch wie neu entwickelte Orgelinstrumente, von feinmechanischen Wunderwerken bis hin zur modernen MIDI-gesteuerten Drehorgel. Ein Blick auf die Webseite der Orgelstiftung mit dem prall gefüllten Veranstaltungskalender zeigt, auf wie vielen Ebenen die Stiftung tätig ist und wie sehr sie sich in ihrer langjährigen Arbeit etabliert hat. Dass diese Arbeit nun gewürdigt wird, ist eine willkommene Verpflichtung, im Engagement fortzufahren.

Dazu gehört auch, dass die Orgelstiftung altes und neues Musikrepertoire aufarbeitet, historische Dokumente bearbeitet und publiziert und dass sie alte und besondere Instrumente ankauft und restauriert um sie so der Nachwelt erhält. Als dank der Orgelstiftung die bereits erwähnte Sarg-Orgel restauriert wurde, fanden die Restauratoren zwei Zeitungsausschnitte in norwegischer Sprache an den Pfeifen als Abdichtung. Aufgespürt wurde die Orgel allerdings in England. Von Waldkirch nach Norwegen, dann nach England – und das sind nur die dokumentierten Stationen –, auch das sind europäische Spuren, die uns verblüffen und staunen lassen.

Solche Orgeln sind Zeugnisse vergangenen Kulturgutes, buchstäblich Kulturträger, denn Drehorgelspieler trugen diese Instrumente auf ihren Rücken. Sie wanderten mit ihnen europaweit, spielten auf Straßen und Plätzen und spiegeln noch heute Zeiten und Stimmungen der damaligen Menschen wider. Dieses Kulturgut aufzuspüren, macht sich die Waldkircher Orgelstiftung zum Anliegen. Sie unterstützt nicht nur finanziell die Restaurierung alter Waldkircher Orgeln, sie fördert auch Auszubildende und Orgelbauer im Restaurieren und Fertigen von Orgelinstrumenten.

Dazu ist natürlich das Wissen über die Orgeln selbst von hoher Bedeutung. Als sich 2006 das 200-jährige Jubiläum der ersten Drehorgel jährte, die Ignaz Blasius Bruder gebaut hatte, wurde u.a. sein „Handbuch der Orgelbaukunst“, das im Waldkircher Elztalmuseum aufbewahrt wird, von der Waldkircher Orgelstiftung übertragen und als Buch herausgebracht,  so dass wir das Wissen darin  1:1 erfahren und bewahren können. Durch den Kauf zweier großer Sammlungen von historischen Dokumenten über Orgeln wird die Erforschung der kirchlichen und weltlichen Orgelbaukunst vorangetrieben. Das Orgel-Archiv der Waldkircher Orgelstiftung sammelt Schriften und Noten aus der Vergangenheit und arbeitet sie musikwissenschaftlich auf. Zahlreiche CD-Produktionen widmen sich alter wie neuer Orgelmusik.  Der Bogen der Stiftung ist dabei weit gespannt: Da gibt es den Bereich der kirchlichen Orgeln und ihrer sakralen Musik, da gibt es die Musik der Märsche und Polkas der Straßendrehorgeln mit ihren Stiftswalzen. Es gibt die gelochten Notenbänder aus Papier, deren Repertoire von Klassik bis Jazz und Schlager reicht, und jetzt sogar eine Orgel, die computergesteuerte Musik mit Notenbändern vereinigt, die bei den Waldkircher Orgelmachern Jäger & Brommer neu entwickelte „Oswalt-Orgel“.

Dass diese Vielfalt uns weiterhin erhalten bleibt, dafür setzt sich die Waldkircher Orgelstiftung ein, die geographisch gesehen im Herzen Europas liegt, aber darüber hinaus die Herzen aller Menschen ansprechen möchte.

Mein Dank und Anerkennung gilt den Stiftungsvätern und besonders auch  den zahlreichen Sponsoren die kräftig die Ziele der Stiftung unterstützen. Ebenso mein Dank den freiberuflichen Mithelfern im Archiv und Forschung Herrn Klaus Person, Herrn Willi Ams für sein langjähriges Engagement in der Waldkircher Orgelwelt und allen Beiräten, Freunden und Gönnern die sich für das einmalige Kulturgut der Orgeln in und um Waldkirch einsetzten.

Ich darf Ihnen die Urkunde  überreichen und gratuliere ganz herzlich!